Brille und Führerschein-Code: So erkennen Sie, ob Sie eine Sehhilfe tragen müssen
Ein Bekannter von mir bekam vor ein paar Jahren an einer Kontrolle ein Bußgeld, weil er ohne Brille am Steuer saß. Sein Argument: „Ich sehe doch gut genug." Das half nichts. Der Beamte tippte zweimal auf die Rückseite seines Führerscheins und zeigte auf eine vierstellige Zahlenkombination, die mein Bekannter bis dahin nie bewusst angeschaut hatte. Genau dort steht, ob Sie eine Sehhilfe tragen müssen – und zwar verbindlich.
Die meisten Menschen, die ich kenne und die eine Brille brauchen, haben keine Ahnung, was in Feld 12 ihres Führerscheins eigentlich eingetragen ist. Sie fahren seit Jahren Auto, alles läuft gut, bis zu dem Moment, in dem es eben nicht mehr gut läuft.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Vorgaben zur Sehhilfe stehen im Feld 12 auf der Rückseite des Führerscheins, unten links unter den Spalten 9 bis 12.
- Der Code 01 bedeutet Sehhilfe und/oder Augenschutz, die Untercodes 01.01 steht für Brille, 01.02 für Kontaktlinsen.
- 01.06 heißt: Sie dürfen frei zwischen Brille und Kontaktlinse wählen.
- Diese Eintragungen gelten für alle Führerscheinklassen, die Sie besitzen – nicht nur für eine.
- Wer die vorgeschriebene Sehhilfe nicht trägt, riskiert ein Bußgeld und im Schadensfall erheblichen Ärger mit der Versicherung.
- Wird die Sehhilfe medizinisch nötig, aber nicht im Führerschein vermerkt, sollte die Eintragung nachgeholt werden.
Wo sieht man auf dem Führerschein die Brille?
Die Antwort ist unspektakulär und trotzdem der Kern der ganzen Sache: auf der Rückseite, im Feld 12. Dort sammeln sich alle Beschränkungen, Auflagen und Zusatzangaben für Ihre Führerscheinklassen.
Entscheidend ist die letzte Zeile des Feldes 12, unten links unter den Spalten 9 bis 12. Diese Eintragungen gelten durchgehend für alle Fahrerlaubnisklassen, die Sie erworben haben. Wer also einen alten Klasse-3-Schein umgetragen und später noch A oder BE gemacht hat, findet die Sehhilfen-Auflage nicht in jeder Klasse einzeln, sondern in dieser übergreifenden Zeile.
Was bedeutet der Code 01 genau?
Die Codierung wird beim Erwerb des Führerscheins festgelegt. Sie folgt einem Schlüssel, der in der Fahrerlaubnis-Verordnung geregelt ist, konkret in Paragraf 12. Brille und Kontaktlinse sind dort nicht als Freitext, sondern als Nummern hinterlegt.
| Schlüsselzahl | Bedeutung | Praxis |
|---|---|---|
| 01 | Sehhilfe und/oder Augenschutz | Oberbegriff, wird selten allein eingetragen |
| 01.01 | Brille | Sie müssen eine Brille tragen – Kontaktlinsen allein reichen nicht |
| 01.02 | Kontaktlinsen | Sie müssen Kontaktlinsen tragen, sofern medizinisch so vorgegeben |
| 01.03 | Schutzbrille | Augenschutz, etwa bei bestimmten beruflichen Konstellationen |
| 01.06 | Brille oder Kontaktlinsen | Freie Wahl zwischen beiden Varianten |
Wer eine Brille tragen muss, erhält die Schlüsselnummer 01.01. Beim Tragen einer Kontaktlinse steht die Nummer 01.02 im Feld. Und wer zwischen Brille und Kontaktlinse frei entscheiden darf, bekommt die Eintragung 01.06.
Ich gebe zu: Als ich das zum ersten Mal auseinandergenommen habe, dachte ich, 01.06 sei einfach nur eine längere Version von 01.01. Ist es nicht. Der Unterschied ist praktisch relevant.
Brille oder Kontaktlinse – der Unterschied, den kaum jemand kennt
Hier wird es interessant, und genau diesen Punkt finde ich in den meisten Erklärungen sträflich unterbeleuchtet. Angenommen, in Ihrem Führerschein steht nur 01.01 Brille. Sie steigen morgens ins Auto, haben aber an dem Tag Ihre Kontaktlinsen drin. Erlaubt oder nicht?
Die ehrliche Antwort: Der eingetragene Code beschreibt die vorgeschriebene Sehhilfe, nicht Ihr persönliches Wohlbefinden. Steht dort ausschließlich „Brille", ist die Brille die Auflage. Ob ein Polizeibeamter bei einer Kontrolle den Unterschied zwischen „Brille vorgeschrieben" und „Kontaktlinse getragen" überhaupt bemerkt, steht auf einem anderen Blatt – aber sich darauf zu verlassen, ist keine Strategie, sondern ein Glücksspiel.
Deshalb mein Rat: Wenn Sie sowohl Brille als auch Kontaktlinsen nutzen und sich die Wahl offenhalten wollen, lassen Sie das beim nächsten Termin auf 01.06 eintragen. Das erspart Ihnen Diskussionen, die Sie sonst am Straßenrand führen.
Was, wenn der Vermerk im Führerschein fehlt?
Ein Szenario, das häufiger vorkommt, als man denkt: Sie haben beim Sehtest bei der Führerscheinstelle noch problemlos bestanden, Jahre später verschlechtert sich Ihre Sicht. Sie merken es selbst, Ihr Optiker merkt es, aber im Führerschein steht nichts.
Rechtlich knifflig, praktisch unangenehm. Die Fahrerlaubnis-Verordnung weist ausdrücklich darauf hin, dass eine Sehhilfe genutzt werden muss, wenn sie nötig ist. Fehlt der Eintrag, haben Sie keinen Nachweis, dass die Behörde Ihnen die Auflage überhaupt gemacht hat – aber auch keinen Freibrief. Kommt es zu einem Unfall, kann die Frage aufkommen, ob Sie hätten erkennen müssen, dass Ihre Sicht nicht mehr ausreicht.
Mein pragmatischer Tipp: Wenn Sie wissen, dass Sie ohne Brille nicht mehr sicher fahren, lassen Sie die Schlüsselzahl nachtragen. Das ist kein Hexenwerk, kostet aber einen Behördengang. Besser als der Moment, in dem ein Gutachter Ihre Reaktionszeit bei Nacht mit und ohne Brille vergleicht.
Was passiert, wenn Sie ohne die vorgeschriebene Brille fahren?
Die Fahrerlaubnis-Verordnung ist an dieser Stelle nicht zimperlich. Verstöße gegen die Vorschriften führen zu empfindlichen Bußgeldern. Konkrete Beträge nennt der Verordnungstext nicht – die ergeben sich aus dem Bußgeldkatalog, und der ändert sich.
Was ich aus Gesprächen mit Betroffenen mitgenommen habe: Die Bußgeldhöhe ist meistens nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist der Versicherungsfall.
- Ein Auffahrunfall, bei dem Sie ohne vorgeschriebene Brille unterwegs waren
- Die gegnerische Versicherung wittert grobe Fahrlässigkeit
- Und plötzlich geht es nicht mehr um 60 Euro Bußgeld, sondern um die Frage, wer den Schaden trägt
Der zweite Punkt, den viele unterschätzen: Bei einem schweren Unfall kann die Fahrerlaubnisbehörde prüfen, ob Sie überhaupt geeignet sind, ein Fahrzeug zu führen. Das ist die unangenehmere Konsequenz als jede Geldstrafe.
Führerschein-Rückseite verstehen: Die Spalten 9 bis 12
Nicht jede Zahl auf der Rückseite bedeutet dasselbe. Das führt regelmäßig zu Verwirrung, weil die Felder dicht bedruckt sind und optisch kaum auseinanderzuhalten.
Vereinfacht gesagt: Die Rückseite enthält pro Fahrerlaubnisklasse eine Zeile mit Spalten. In Spalte 9 steht die Klasse selbst, in Spalte 10 das Datum der Erteilung, in Spalte 11 das Ablaufdatum und in Spalte 12 die Auflagen und Beschränkungen. Und weil manche Auflagen für alle Klassen gelten – wie eben die Sehhilfe – gibt es die zusätzliche Zeile unten, in der solche übergreifenden Eintragungen Platz finden.
Kurz gesagt: Wenn Sie nur eine Stelle auf Ihrem Führerschein suchen, an der Ihre Brillenpflicht stehen kann, dann ist es Feld 12. Wenn Sie zwei Stellen prüfen wollen, dann schauen Sie zusätzlich in die unterste Zeile der Rückseite.
Was bedeutet im Führerschein L 174 175?
Buchstaben wie L gefolgt von Zahlen sind keine Sehhilfen-Codes, sondern nationale Schlüsselzahlen – also Eintragungen, die nicht europaweit einheitlich sind, sondern von der jeweiligen Behörde nach nationalem Recht vergeben werden. Sie tauchen in Feld 12 auf, regeln aber andere Dinge als die Sehhilfe: Auflagen technischer Art, Beschränkungen der Fahrzeugklasse oder besondere Bedingungen.
Wenn Sie wissen wollen, was eine konkrete nationale Schlüsselzahl wie L 174 oder L 175 in Ihrem Fall bedeutet, hilft der Blick in die offizielle Liste der Schlüsselzahlen – die führt die Bundesanstalt für Straßenwesen, und die Erklärungen dort sind verbindlich. Raten Sie nicht anhand einer Forenantwort von 2013.
01.06, 174, 197 – welche Codes zusammenspielen
Bei Führerscheinen, die in den letzten Jahren neu ausgestellt wurden, kommen Sie an einer weiteren Zahl kaum vorbei: der Schlüsselzahl 197. Sie markiert die Umschreibung alter Papierführerscheine in die fälschungssichere Karte. Wenn Sie also einen neuen Kartenführerschein beantragt haben und dabei eine 197 auftaucht, hat das nichts mit Ihrer Brille zu tun – es dokumentiert die Umstellung Ihres Dokuments.
Und genau hier passieren die Verwechslungen, die ich immer wieder sehe. Menschen sortieren die Zahlen in Feld 12 nach „wichtig" und „unwichtig", streichen die 197 gedanklich weg – und übersehen dabei, dass zwei Zeilen darüber ihre 01.01 steht.
Die saubere Vorgehensweise ist unspektakulär: Nehmen Sie den Führerschein in die Hand, drehen Sie ihn um, suchen Sie Feld 12, lesen Sie alle Eintragungen – nicht nur die erste, die Ihnen ins Auge fällt.
Was ich daraus gelernt habe
Ein Dokument, das man nur alle zehn Jahre anfasst, liest man nicht. So einfach ist das. Der Führerschein liegt in der Schublade, er funktioniert, also gibt es keinen Grund, sich mit der Rückseite zu beschäftigen.
Bis zu dem Tag, an dem ein Beamter zweimal auf eine Zahlenkombination tippt, die man selbst nie bewusst wahrgenommen hat. Wie mein Bekannter damals. Er trägt seine Brille heute übrigens konsequent – nicht, weil ihn das Bußgeld überzeugt hätte, sondern weil er danach zwei Nächte darüber nachgedacht hat, was bei einem Unfall mit Personenschaden passiert wäre.
Schauen Sie einmal nach, welche Zahl in Ihrem Feld 12 steht. Wenn dort eine 01.01, eine 01.02 oder eine 01.06 steht, wissen Sie jetzt, dass sie verbindlich ist. Wenn nichts dort steht und Sie trotzdem ohne Brille nicht mehr sicher fahren – dann ist der nächste Behördengang wahrscheinlich der klügste, den Sie diese Woche machen.